Das Gedächtnis des Flusses: Wenn Kinder dem Inn das Malen lehren (Text Elke Rott)
In Passau wurde ein Schulprojekt zur philosophischen Spurensuche. An der Altstadtgrundschule lernten Viertklässler nicht nur die Technik des Aquarells, sondern auch, dass Wasser ein Archiv der Gefühle ist.
Wie alt ist das Wasser, das heute am Passauer Innufer glitzert? Es ist eine jener Fragen, die Kinderaugen weit werden lassen. Es ist dasselbe Wasser, das schon die Dinosaurier tranken; ein ewiger Kreislauf, der seit Anbeginn der Zeit besteht. Die Schüler wussten das natürlich schon längst. An der Altstadtgrundschule, die fast so wirkt, als wolle sie selbst in den grünen Inn eintauchen, verwandelte die Künstlerin Elke Rott dieses abstrakte Wissen in eine sinnliche Erfahrung.
Die Stille am Schöpfbecher
Das Projekt begann nicht mit Pinseln, sondern mit Behutsamkeit. Die Kinder der vierten Klasse traten an den Fluss, um Wasser zu schöpfen. Kein hektisches Greifen, sondern ein achtsames Entnehmen. Zurück im Klassenzimmer wurde dieses „Inn-Wasser“ zur Seele ihrer Kunst. Auf dickem Aquarellpapier, das mit Klebeband die Welt auf die Tischplatte begrenzte, durften die Kinder beobachten, was passiert, wenn Materie auf Zeit trifft.
Ein Tupfer Farbe auf nassem Grund. Die Pigmente bahnten sich ihren Weg, bildeten wundersame Muster, schmiegten sich sanft in die Fasern. Es war ein Moment des Staunens: Hier malten nicht nur die Kinder, hier malte das Wasser selbst.
Die Rückgabe der Energie
Doch das Projekt endete nicht beim fertigen Bild. In einer Welt des Konsums, in der wir Dinge meist nur nehmen, lehrte Elke Rott die Kinder das Zurückgeben. Das bunte Malwasser wurde nicht achtlos im Ausguss entsorgt. Das Malwasser gossen die Kinder wieder in die Eimer zurück. In einem rituellen Zug wanderte die Gemeinschaft zurück zum Ufer.
Dort, wo der Inn gemächlich vorbeizieht, gossen die Kinder das farbige Wasser zurück in den Strom. Es war ein Moment der Reflexion: Die Kinder gaben dem Fluss nicht nur Farbe zurück, sondern – so die tragende Idee – auch die guten Gedanken und die Energie, die während des Malens entstanden waren. Das Wasser trägt nun die Kreativität der Passauer Altstadtkinder mit sich, flussabwärts, zurück in den großen Kreislauf.
„Wasser können nicht nur Priester segnen“, erinnert die Künstlerin. „Jeder kann das. Wir selbst bestehen zum größten Teil daraus.“
Ein Fenster zum Ursprung
Die Lehrerin P. Silke fand schließlich den perfekten Ort für die Präsentation der Werke: das Arbeitszimmer der Schule. Wer heute vor den Bildern der Kinder steht, blickt durch eine doppelte Linse der Schönheit. Im Vordergrund leuchten die getrockneten Spuren des Wasser-Projekts auf dem Papier; im Hintergrund, durch das Fensterglas, fließt der glitzernde Inn vorbei.
Es ist eine stille, kraftvolle Erinnerung daran, dass Kunst nichts Getrenntes von der Natur ist. Sie ist ein Gespräch. Und in Passau haben die Kinder dieses Gespräch auf besonders leise und weise Art und Weise geführt.